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Gaetana Aulenti

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Ob bei der Gestaltung berühmter Museen oder Lampen, die kühne Italienerin hat es stets vermocht, Vergangenheit und Gegenwart zu etwas unerhört Neuem, gänzlich Eigenem zu verbinden

Gaetana oder kurz Gae Aulenti – viele erinnern sich der 2012 verstorbenen Architektin und Interiordesignerin als charakterstarker, unbeirrbarer Grande Dame in einer von Männern dominierten Architekturlandschaft der Nachkriegszeit. Und auch wer ihren Namen nicht kennt, kennt wohl ihre Werke. Am renommiertesten vermutlich das Musée d’Orsay, für das Gae Aulenti Mitte der Achtziger die Glashalle des gleichnamigen Pariser Jahrhundertwende-Bahnhofs in einen unkonventionellen Ausstellungsbau verwandelte. „Ein Dantescher Albtraum“ und ein unzumutbarer „ornamentaler Exzess“ gifteten die einen, die anderen waren begeistert von dem kühnen Kontrast zwischen original Stuckrosetten und industriellen Metallgittern – und die unerwartet hohen Besucherzahlen brachten schließlich selbst die schärfsten Kritiker zum Verstummen. 

Kult wurden aber auch ihre Möbel und Lampen, allen voran eine der Designikonen des 20. Jahrhunderts, die „Pipistrello“-Leuchte von 1965, die ihren Namen der Fledermaus entlieh, ihre Ästhetik halb dem Wiener Jugendstil, halb modernem Industriedesign. Oder, eindeutig modern, der Tisch „Tour“ von 1993, dessen Glasplatte auf vier Fahrrad-Rädern ruht. 

Wanderin zwischen den Welten

Gae Aulenti ging von Anbeginn ihren eigenen Weg. Geboren 1927 in Mailand, absolviert sie gegen den Willen ihrer Eltern das Architekturstudium am Mailänder Polytechnikum und schließt sich der Neo-Liberty-Bewegung an, die der strengen Sachlichkeit von Le Corbusier, Mies van der Rohe und Walter Gropius entsagt und Vergangenes zu neuem Leben erweckt. Das Bemühen um einen fruchtbaren Dialog zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen einem Bauwerk und seiner Umgebung ist denn auch das Leitmotiv, dem Gae Aulenti bis ins hohe Alter treu bleibt und das nicht nur Entwürfe wie den italienischen Expo-Pavillon in Sevilla, sondern vor allem ihre aufsehenerregenden Neugestaltungen historischer Gebäude prägt – gleich ob Umbau des Museu Nacional d’Art de Catalunya in Barcelona oder Neukonzeption der Ausstellungsräume im venezianischen Palazzo Grassi, ob Umwandlung der Stadtbibliothek von San Francisco in das Asian Art Museum oder Umbau des italienischen Kulturinstituts in Tokio. Nicht zu vergessen die Showroom-Gestaltungen für große Marken wie Dior, die zahlreichen Privatvillen, Gärten – und, last, not least die Bühnenbilder und Lichtkonzepte für bedeutende Theateraufführungen oder die Mailänder Scala.

Kurzum: Alles ganz große zeitgenössische Oper – voll menschlicher Wärme, aber ohne jeden barocken Pomp.

 


 

Couture-Entwürfe von Gae Aulenti? Besäßen vielleicht jene ureigene, Aulenti-typische Mischung aus historischen Elementen und moderner Strenge, die auch ihren Kostümkreationen für die Wiener Staatsoper eignete. Kein Mainstream jedenfalls, denn sie selbst erklärte einst: „Ich kleide mich nicht gern alla moda. In dem Moment, wo Rot offiziell als Trendfarbe gepriesen wird, höre ich auf, es zu tragen, und bekomme Lust auf Grün.