ART CORPORATES INTERIORS by Ines Miersch-Süß

Spaziergang der Schlossmacher

Text: Anika Lautenschläger, Fotos: Lars Neumann

Wenn zwei sich seit der ersten Stunde eines gigantischen Museumsprojektes kennen und schätzen gelernt haben, ist jedes Wiedersehen ein Blick zurück und gleichzeitig nach vorn. Soviel ist sicher: Beim Treffen des Schlossdirektors Prof. Dr. Dirk Syndram und der Museumsplanerin Ines Miersch-Süß im Dresdner Residenzschloss kommen die beiden schnell über Sachsens renommiertestes Kulturprojekt ins Gespräch.

Über die Englische Treppe gelangen sie in die ehemalige königliche Residenz - heute Sachsens größtes Kunstmuseum. Ines Miersch-Süß erinnert sich: „Ich habe heute noch die Bilder des Rohbaus deutlich vor Augen.“ – „Ich erinnere mich an eine im Wiederaufbau befindliche Ruine“, erzählt Prof. Dr. Dirk Syndram rückblickend. „Einzig der Westflügel wurde damals bereits genutzt. Die fast vollständig zerstörte Englische Treppe konnte man nur mit einem Schutzhelm betreten. Und im zweiten Obergeschoss klaffte anstelle des Riesensaals ein riesiges Loch; man blickte quasi ins Nichts. Hier habe ich erkannt, dass das Schloss statt Realität noch eine große Vision ist, die sich noch heute im Werden befindet. Für mich ist es ein großes Privileg, erleben zu dürfen, wie aus dieser Vision innerhalb der vergangenen 20 Jahre bereits Realität geworden ist.“

ART CORPORATES INTERIORS by Ines Miersch-Süß

Zehntausend Quadratmeter Ausstellungsfläche in einem Schloss zu bespielen ist keine leichte Aufgabe!

Wir nutzen heute gerade einmal die Hälfte der Ausstellungsfläche. Ich denke, das Dresdner Schloss ist ein Museum, das herausfordern wird. Schon heute können Sie nicht einfach durchgehen, sondern werden ständig von der Aura der Kunstwerke aufgehalten, für die Sie sich Zeit nehmen müssen. Wir versuchen hier eine ganz neue Art, Objekte auszustellen. Es entstehen quasi Schatzkammern, die Meisterwerke beherbergen. Man sieht es besonders schön in den bereits geöffneten Teilen der Rüstkammer. Hier werden die Objekte in ihrer Schönheit und Geschichte einzeln wahrgenommen. Und das ist das Alleinstellungsmerkmal in Dresden.

In der Fürstengalerie – der Ort ist mit Bedacht gewählt – kommt das Gespräch so richtig in Gang. In dieser Schatzkammer hat der Besucher die Möglichkeit, sich mit den sächsischen Herrschern vertraut zu machen, die ihn in der festlichen Galerie zwischen Neuem Grünen Gewölbe und Rüstkammer begegnen.

Als 1997 das Konzept des Umbaus als „Masterplan in mehreren Schritten“ im Sächsischen Kabinett verabschiedet wurde, waren wir uns schon sicher, dass nur dieser Weg der richtige für die Bewältigung einer solch großen Aufgabe sei. Gesehen aus der heutigen Perspektive, finde ich es eine wunderbare Lösung.

Ja! Es ist sehr entscheidend, ein so großes Gesamtprojekt in vernünftigen Teilabschnitten zu bewältigen. Die Eröffnung in verschiedenen Teilabschnitten lässt das Schloss immer wieder aufs Neue interessant erscheinen und präsentiert der Öffentlichkeit immer wieder neue Teile der großartigen Sammlungen unserer Museen. Gerade die Trennung des Neuen und Historischen Grünen Gewölbes war für die Besucher erst einmal fremd, wurde aber sehr gut aufgenommen. Das vor 10 Jahren eröffnete Neue Grüne Gewölbe ist geradezu eine Benchmark für Ausstellungen dieser Art geworden.

Im selben Jahr wurde auch die erste Ausstellung ‚Unter einer Krone‘ im noch provisorisch wiederaufgebauten Residenzschloss gezeigt.

Die Sonderausstellung ‚Unter einer Krone‘ war damals eine Sensation. Es war eine wichtige Ausstellung, die schon lange im Voraus geplant wurde und an der ich intensiv mitgearbeitet habe. Mein Vorschlag war, die Ausstellung nicht im Albertinum oder in einem anderen Gebäude der SKD zu zeigen, sondern im Residenzschloss, in dem die Exponate schon immer an ihrem hiesigen Ort untergebracht waren.

Das war damals ein guter Schachzug von Ihnen, da man so visualisieren konnte, wie das Schloss als Museum zukünftig aussehen würde.

Ja, man hatte diesen wunderbaren Gegensatz zwischen den rauen Wänden im Westflügel und den bereits in Stand gesetzten Räumen auf der anderen Seite. Konservatorisch war es eine große Herausforderung für uns, da die Ausstellung zeitlich über den Winter lief. Ich erinnere mich, dass 1997/98 ein sehr milder Winter gewesen ist. An Silvester gab es nur kurz einen Temperatureinbruch, bei dem wir gegen Eis und Kälte ankämpfen mussten. Aber mit dieser Ausstellung hat das Dresdner Schloss begonnen, wieder Museum zu sein; es wurde ihm wieder Leben eingehaucht. Sieben weitere Jahre hat es dann noch gedauert, bis das Schloss als einheitliches Museumsensemble bespielt werden konnte. Zwischenzeitlich gab es bereits kleinere Sonderausstellungen. Aber so richtig Museum wurde das Dresdner Schloss erst 2004, als das Neue Grüne Gewölbe eröffnet wurde.

ART CORPORATES INTERIORS by Ines Miersch-Süß

Das Grüne Gewölbe wurde zwischen 1723 und 1730 als Schatzkammer von August dem Starken realisiert und war lediglich einer ausgewählten Öffentlichkeit zugänglich. Schon damals war August sehr darauf bedacht, seine Schätze zu inszenieren.

Seit 1993 sind Sie Direktor des Grünen Gewölbes, dem Herzstück des Dresdner Schlosses.

Für uns war es eine Herausforderung, hier etwas Neues einzurichten. Die Besucher kannten bis dahin nur das eine Grüne Gewölbe. Die Idee war, zwei Gewölbe unterschiedlichen Charakters einzurichten: Das Neue Grüne Gewölbe mit seinen ausgesuchten Werken der Schatzkunst und das Historische Grüne Gewölbe als Rekonstruktion der Schatzkammer August des Starken. Bei der Planung haben wir überlegt, wie man beide Abteilungen zusammenführen und eine Verbindung herstellen kann. Das war nicht immer leicht, gerade wenn viele Leute an einem so umfangreichen Projekt mitarbeiten. Aber das ist wiederum das Fantastische an einem solchen Projekt: Es muss ein Diskurs vorhanden sein, damit am Ende die beste und die geeignetste Lösung gefunden werden kann.

Ich bin immer wieder überrascht, wie umfangreich die Sammlung tatsächlich ist und auf dieser Fläche in einer solchen Fülle präsentiert werden kann.

Sie könnten auch den ‚Hofstaat des Großmoguls‘ von Johann Melchior Dinglinger in einen einzigen Raum von 90 Quadratmetern stellen, ihn vernünftig ausleuchten und alle Leute würden mit Erstaunen davor stehen. Das Dresdner Schloss ist aber mehr als nur eine feine Ausstellungsfläche. Es ist auch ein Begegnungsraum, was besonders schön am kleinen Schlosshof deutlich wird, der wie eine Piazza funktioniert. Oder die Fürstengalerie, die nicht nur eine Verbindung zwischen den Ausstellungsflächen der Rüstkammer und dem Neuen Grünen Gewölbe herstellt, sondern auch zwischen zwei Treppensystemen. Zudem ist der Raum auch vielfach nutzbar, zum Beispiel für Empfänge, Vorträge oder Musikveranstaltungen. Auch das ist natürlich Aufgabe eines Schlosses, das zugleich das Zentrum der SKD bildet. Wir sind auf dem Weg, das Schloss zu demokratisieren. Es soll ein Teil des Dresdner Stadtraums werden.

Ines Miersch-Süß Dirk SyndramART CORPORATES INTERIORS by Ines Miersch-SüßART CORPORATES INTERIORS by Ines Miersch-SüßART CORPORATES INTERIORS by Ines Miersch-Süß

Wenn ich das Neue Grüne Gewölbe betrete, bin ich überrascht, dass mich die Objekte in ihrem Zusammenspiel immer wieder aufs Neue faszinieren und einen tiefen Eindruck hinterlassen. Plötzlich sehe ich einzelne, vielleicht unscheinbare Meisterwerke, die aus der Gruppe eines Ensembles hervortreten.

Das ist auch ein wichtiger Punkt. Gerade mit dem Neuen Grünen Gewölbe ist es uns gelungen, aus materiellen Kostbarkeiten „Kunstwerke“ zu machen. Das Ausstellen des Objektes, ob es nun ein Schatzstück ist oder ein einfacher Pokal, hat etwas mit seiner ganz eigenen Aura zu tun. Die Aufgabe eines Museums sollte es sein, diese Aura zu erkennen.

ART CORPORATES INTERIORS by Ines Miersch-Süß

Kunstwerke sollten mit „Spannung“ präsentiert und vermittelt werden, damit der Betrachter in ihnen immer wieder Neues entdeckt, und Museen nicht langweilig erscheinen. Wenn dies gelingt, können Besucher für die ausgestellten Objekte begeistert werden.

Der Blick wird dabei nicht nur auf die ausgestellten Kunstwerke selbst, sondern immer auch indirekt aus dem Fenster geleitet. Die hiesigen Exponate sind mit dem unmittelbaren Außenraum der Stadt Dresden eng verknüpft. Bei der Rüstkammer ist es besonders schön zu sehen, da hier der Blick in den Innenhof des Schlosses gelenkt wird. Dort, wo sich damals die Turniere abgespielt haben.

Ja, der Innenhof bildete schon immer die Bühne für große Szenarien. Und die Ausblicke aus dem Schloss bilden mit den ausgestellten Exponaten eine Symbiose. Man darf nie gegen ein Gebäude arbeiten und auch nie gegen ein Kunstwerk. Das Umfeld wird bei den SKD stets mit einbezogen. Es bringt nichts, eine schwarze Kammer zu machen. Die Aufgabe ist es, die Sammlung in sein historisches Umfeld einzubeziehen. Und dieses historische Umfeld ist heute ein völlig Anderes als es damals war.

Die beiden Schlossmacher verbindet stets der Blick für die Kunstschätze, eine gemeinsame große Leidenschaft des Museumsdirektors und der Museumsplanerin. Das Neue Grüne Gewölbe dient dabei als Inspirationsquelle, aus der noch viel Großes entstehen wird.

Die Museumstechnik spielte von Anfang an eine wichtige Rolle. Schritt für Schritt wird sie weiterentwickelt. Diese Vitrinen im Neuen Grünen Gewölbe zum Beispiel sind selbst ein Meisterwerk für Meisterwerke.

Bei der Entwicklung der Vitrinentechnik haben wir einen langen Weg hinter uns. In den 1990er Jahren haben wir in einzelnen der hermetisch verschlossenen Vitrinen – zu allem Erstaunen – Schadstoffe festgestellt. Die Vitrinen sind heute auch wieder dicht, besitzen aber gleichzeitig eine integrierte Luftzirkulation, die für die Regulierung der optimalen Luftumgebung in den Vitrinen erforderlich ist. Aus konservatorischer und sicherheitstechnischer Sicht bieten diese Neuerungen einen hervorragenden Maßstab. Zudem erlauben sie durch doppelt entspiegeltes Glas einen wunderbaren Blick auf die Kunstwerke.

Ursprünglich kam beim Historischen Grünen Gewölbe die Diskussion auf, die Kunstwerke hinter Glas zu stellen.

Ines Miersch-Süß Dirk Syndram

Die Diskussion war damals, die Exponate und die Besucherräume mittels Glaswänden voneinander zu trennen. Wir haben jedoch relativ bald festgestellt, dass es gegen die physikalische Struktur des Glases geht. Zudem wären die Räume sehr eng geworden, was einen klaustrophobischen Charakter gehabt hätte und den Besuchern somit auch nicht zumutbar gewesen wäre. Gelöst haben wir es mit einer Abtrennung in Form von gläsernen Balustraden. Der Besucher gelangt nun direkt in die „Vitrinen“, in die Räume. Dies bedeutet zwar einen höheren konservatorischen Aufwand, allerdings kann sich der Besucher freier durch das Historische Grüne Gewölbe bewegen. Er kann unmittelbar in die Zeit des 18. Jahrhunderts eintauchen. Wie in einen Reinraum betritt der Besucher durch ein Schleusensystem am Eingang die zauberhafte Welt von August dem Starken.

Ja, man kommt leicht ins Schwärmen angesichts des Erreichten. Beide verlieren aber nicht den Blick für die offenen Fragen, die sich zur Fertigstellung des Residenzschlosses stellen. Inzwischen führt der Weg der beiden Schlossmacher in den Rohbau des zweiten Obergeschosses.

Das Residenzschloss soll 2019 fertig gestellt sein. Welche Herausforderungen stellen sich diesem Projekt noch?

Es gibt zwar durchaus geteilte Stimmen, die meinen, der Zustand der zukünftigen Paraderäume sollte als Rohbau bestehen bleiben. Es gibt aber bestechende Argumente, das Projekt zu vollenden. Die Zielstellung aus dem Jahr 1997, die aus Ihrer Feder stammt, sieht vor, diesen Bereich in historischen Formen barock zu rekonstruiert. Das Dresdner Schloss als Residenz gesehen braucht sein Audienzgemach mit dem Thron. Die vorhandene Sammlung der Einrichtung aus dem frühen 18. Jahrhundert erlaubt die originalgetreue Rekonstruktion der Hauptparaderäume. Das Jahr 2019 bietet hierfür den idealen Termin, da hier vor genau 300 Jahren zum ersten Mal die Paradesuite eingerichtet wurde.

Vielen Dank für den charmanten Spaziergang.

Die Architektin Ines Miersch-Süß folgte auf Empfehlung nach Ihrer Zeit in Frankreich und Italien einem Ruf in Ihre Heimatstadt Dresden, wo man auf Ihr internationales Know-How als Architektin bauen konnte. Als Beraterin erstellte sie 1997 den Masterplan der damals noch in Frage gestellten Schlossruine für die Ausgestaltung zu einem Museumszentrum. Seitdem ist sie auf diesem Gebiet als Spezialistin tätig und gilt heute in der Szene als Geheimtipp in Fragen der Museumsplanung und Fine Art Interieurs.

Der Kunsthistoriker Prof. Dr. Dirk Syndram kam 1993 als neuer Direktor des Grünen Gewölbes nach Dresden und stellte sich mit dem Großprojekt des Wiederaufbaus des Residenzschlosses einer Lebensaufgabe, die er bis zur Fertigstellung begleiten wird. Heute leitet er auch das Residenzschloss und die Rüstkammer und ist stellvertretender Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.